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Sleemans Bericht
Indien bereisen und verstehen

Sleeman und die Thags von Indien

Mörderbanden machen Zentralindien unsicher

Im Dekhan, um 1830

Ein unter Mordverdacht stehender junger Brahmane – gut aussehend, ehemaliger Unteroffizier in der Leibwache des englischen Gesandten in Delhi – führt die Briten auf die Spur von Killerbanden, den Thags, die seit Generationen gewerbsmäßig Reisende umbringen, sie anschließend berauben und verscharren. Überlebende und Zeugen gibt es nicht, die Zahl der Opfer geht in die Tausende…

Den Einheimischen wie den Briten bleibt das Mörderwesen bis in die 1820er Jahre hinein verborgen, niemand ahnt von der Existenz dieser Geheimgesellschaft im Herzen Indiens.

Dem Briten William Henry Sleeman (1788-1856) gelingt es durch professionelle Verhörtechnik, Kronzeugenregelung, angewandte Psychologie und Kenntnis des Landes sowie der einheimischen Sprachen das Netzwerk aus Mördern, Nutznießern und Hehlern aufzudecken. Nach 4.000 Festnahmen, 500 Todesurteilen und 1.500 Deportationen gilt das Thagwesen seit 1850 als ausgerottet.

Halb anerkennend, halb ironisch erhielt Sleeman im Verlauf seiner Tätigkeit von Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten den Beinamen "Thuggee-Sleeman".


 

W.H. Sleeman



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Kali, Schutzpatronin der Thags

Ausgerechnet die Göttin Kali, die Schützerin von Recht und Ordnung, galt den Thags als Schutzpatronin. Kali, die vielarmige, die auch unter dem Namen Durga bekannt ist und die die Götter- und Menschenwelt vor dem Büffeldämon Mahisasura und damit vor der Herrschaft des Unrechts und vor dem Chaos rettete, wird bis heute vor allem in Bengalen verehrt.


 

Kalitempel in Hyderabad



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Eine okkulte Gesellschaft

Die Praktiken, die Vorgehensweise, die Tricks, Kniffe und der Aberglauben der Kultmörder zeigen eine Parallelgesellschaft, die sich wie kaum eine andere Gruppe im Alltagsleben um Unauffälligkeit bemühte.

In Gruppen und arbeitsteilig, ohne Blutvergießen, nur durch Erdrosseln mit einem besonderen Tuch, gut organisiert - die Gräber waren bereits im vorhinein ausgehoben - machten die Thags in der trockenen Zeit (der Reisezeit) Landstraßen und Wasserwege im Landesinneren unsicher. Die ahnungslosen Opfer hatten kaum eine Chance. Um jedes Aufsehen zu vermeiden, wählten sie nur Einheimische, nie Europäer zu ihren Opfern.


 

Vier Thags überwältigen einen Reiter



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Meadows Taylor in Shorapur bei Hyderabad

Während Sleeman vorwiegend im Norden des Landes arbeitete, vor allem im heutigen Madhya Pradesh, spürte sein Landsmann Meadows Taylor, der fast 40 Jahre in Indien verbrachte, als englischer Zivilbeamter und Verwalter im Dienst des Nizam von Hyderabad den Thags im Süden nach.

Sein kurz nach Sleemans Enthüllungen in England erschienener Tatsachenroman "Confessions of a Thug" (Bekenntnisse eines Thag") beruht auf Verhörprotokollen und eigenen Notizen. Er schildert das Thagwesen aus der Sicht eines fiktiven Mitglieds der Mörderbande. Der Roman, dessen Vorabdrucke die junge Queen Victoria kaum erwarten konnte, wirkt auf uns Heutige freilich sehr weitschweifig und romantisch.

Unbedingt lesenswert ist Meadows Taylor's Lebensbericht ("Story of my Life", dt. u.d.T. "Im ostindischen Dienste") voller Einblicke in das Alltagsleben und in die poltischen und sozialen Verhältnisse um die Jahrhundertmitte im Herzen des südlichen Indien.


 

Hyderabad, Rückzugsort der Thags im Süden



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